Ökologische Psychiatrie und Psychotherapie 

Der Klimawandel, zunehmende Urbanisierung, Verlust der Artenvielfalt – welche Folgen haben diese Prozesse für die menschliche Psyche? Fragen wie diese an der Schnittstelle von Ökologie, Psychiatrie und Neurowissenschaften stellt die DGPPN in den Mittelpunkt des Kongresses 2023: „Ökologische Psychiatrie und Psychotherapie“

Wir Menschen leben im ständigen Austausch mit unserer Umwelt – der äußeren und der inneren. Diese komplexen Beziehungen prägen unsere psychische Gesundheit. Dank moderner Forschungsmethoden aus Genetik, Bildgebung, Epidemiologie und künstlicher Intelligenz können sie heute präzise analysiert werden. So kann die Psychiatrie neue Präventions- und Therapieangebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen entwickeln, zudem entsteht erstmals eine Datengrundlage für Empfehlungen der Wissenschaft an die Politik.

 

Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg
Präsident der DGPPN, über die Auswirkungen des Klimawandels auf die psychische Gesundheit:

„Die Auswirkungen von extremen Wettereignissen auf die Psyche sind sehr gut belegt. Nach dem verheerenden Hurricane Katrina in den USA litt 30 Tage nach dem Ereignis etwa die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner von New Orleans unter einer Depression oder Angststörung, viele berichteten von Suizidgedanken. Noch ein Jahr später wies fast jeder Dritte Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung auf. Auch der Zusammenhang zwischen Hitze und psychischen Symptomen ist klar nachweisbar.

Trotzdem spielt die psychische Gesundheit in Studien zum Klimawandel immer noch eine untergeordnete Rolle. Auch in den Klimafolgemodellen werden die psychischen Aspekte nicht angemessen berücksichtigt – und das, obwohl psychische Erkrankungen häufig und schwerwiegend sind. Hier gibt es für die Forschung noch viel zu tun.

Auch in der Versorgung werden die Folgen des Klimawandels auf die Psyche noch zu wenig adressiert. Wir sind weder darauf vorbereitet, den Opfern von Extremwetter-Ereignissen schnelle und angemessene Hilfe anzubieten, noch sind unsere Behandlungsräume und Stationen für die zunehmende Hitze ausgestattet. Viele Praxen und Kliniken arbeiten auch noch nicht so emissionsarm, wie sie könnten.

Wenn wir Möglichkeiten finden, die Folgen des Klimawandels aktiv zu reduzieren, hilft das nicht nur dem Klima, sondern auch ganz direkt der Psyche. Denn je aktiver und handlungsfähiger wir uns fühlen, desto geringer ist die Gefahr für unsere psychische Gesundheit.“

 

Lea Dohm
Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG), Berlin, über Planetary Health und Psyche:

„Die Klimakrise bereitet den meisten Menschen große Sorgen. Sie löst Gefühle wie Angst, Trauer und Ärger aus. Die Gefahr ist real, diese Klimagefühle sind daher nicht krankhaft.

Klimagefühle sind oft unangenehm. Viele Menschen vermeiden deshalb eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Themenfeld. Sie wehren Gedanken daran ab oder weisen die eigene Verantwortung von sich. Solche Prozesse sind individuell nachvollziehbar, einer ehrlichen, gemeinschaftlichen und konstruktiven Auseinandersetzung stehen sie aber erheblich im Weg.

Dieses psychologische Wissen hat Konsequenzen für den Journalismus: Medien sollten in ihrer Klimaberichterstattung mit besonderer Aufmerksamkeit und Empathie vorgehen. Klimagefühle sollten anerkannt und ernstgenommen werden. Sie betreffen die Mehrheit der Menschen. In der Berichterstattung sollten zudem konsequent auch machbare und wirksame Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Das ermutigt Menschen, Klimathemen nicht zu vermeiden, sondern selbst aktiv zu werden.

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz. Vernetzung mit anderen sowie gemeinschaftliches Engagement verringern das Gefühl der Machtlosigkeit und fördern die psychische Gesundheit. Individuelle Verhaltensveränderungen und bewusste Konsumentscheidungen sind sinnvoll, reichen aber nicht aus. Wirksamer ist es, sich gemeinsam mit anderen und im eigenen Berufsfeld fortlaufend aktiv für Klimaschutz einzusetzen.“

 

Prof. Dr. Dr. Heike Tost
Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, über Naturerleben und psychische Gesundheit:

„Das Umfeld, in dem wir uns tagtäglich bewegen, hat einen deutlichen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Für Menschen, die in einer Stadt wohnen, ist das Risiko, eine Depression oder Angsterkrankung zu entwickeln, 20 bis 40 Prozent höher als für Personen, die in ländlichen Gebieten leben.

Zudem scheint es einen Unterschied zu machen, wo in einer Stadt ein Mensch sich hauptsächlich aufhält: Der Anteil an Grünflächen in der Umgebung von Menschen hat direkte Auswirkungen auf deren Wohlbefinden im Alltag. Von diesem Effekt profitieren erstaunlicherweise besonders solche Menschen, die die meiste Zeit ihres Alltags in urbanen Stadtvierteln mit wenig Grünanlagen verbringen. Neuere Ergebnisse zeigen zudem, dass auch Artenvielfalt einen Einfluss auf das menschliche Wohlbefinden in der Stadt hat.

Stadtbewohnerinnen und -bewohner zeigen unter Stress eine stärkere Aktivierung der Amygdala. Dabei handelt es sich um eine Hirnstruktur, die Emotionen steuert und am Entstehen sowohl von Depressionen als auch von Angsterkrankungen beteiligt ist. Eine starke Aktivierung der Amygdala findet man üblicherweise insbesondere in Angst auslösenden Situationen. Dies könnte darauf hindeuten, dass das Stadtleben Menschen dafür sensibilisiert, auf bedrohliche Situationen stärker mit Stress und negativen Emotionen zu reagieren.

Für das Entstehen psychischer Erkrankungen ist aber nicht nur relevant, wo ein Mensch aktuell lebt – in der Stadt oder auf dem Land. Einen mindestens ebenso großen Einfluss scheint es zu haben, wo ein Mensch aufgewachsen ist. Ein stressreicheres Leben während der Kindheit in der Stadt schwächt die Entwicklung derjenigen biologischen Systeme im Gehirn, die mit der Bewältigung von Stress betraut sind. Infolgedessen kann das Gehirn im späteren Leben weniger gut mit akut auftretendem Stress umgehen. Der städtische Stress in der Kindheit hinterlässt also auf biologischer Ebene eine Spur im Gehirn, die im Erwachsenenalter anfälliger macht, unter erneut auftretendem starkem Stress ungünstig zu reagieren und eine psychische Erkrankung, beispielsweise eine Schizophrenie, zu entwickeln.

Ein wichtiges Ziel unserer Forschung ist es, zu klären, wie die urbane Umwelt verändert werden kann, um negativen Stressfolgen vorzubeugen und damit das Risiko für psychische Erkrankungen zu verringern. Eine Möglichkeit wäre es unseren Daten zufolge, in urbanen Gegenden mehr, vielfältigere und besser zugängliche Grünflächen anzulegen.

Auch auf individueller Ebene kann man so Stressfolgen vorbeugen: Je mehr Grün ein Mensch in der Stadt täglich um sich hat oder erlebt, desto besser sein Wohlbefinden. Es kann bereits einen Effekt haben, sich Pflanzen ins Büro zu stellen oder auf dem Weg zur Arbeit einen Umweg durch die nächste Parkanlage einzuplanen.“

 

Prof. Dr. Martin Walter
Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Jena, darüber, was unser Darm mit psychischen Erkrankungen zu tun hat:

„Mikroorganismen besiedeln praktisch jeden Bereich unseres Planeten. Ihre Wechselwirkungen untereinander, ihre Beziehungen mit anderen Lebewesen und mit ihrer Umwelt sind von grundlegender Bedeutung für die Funktion aller Ökosysteme – auch für das Ökosystem Mensch.

Die Gesamtheit der Mikroorganismen innerhalb eines Wirts wird auch als Mikrobiom bezeichnet. Zahlreiche Studien der letzten Jahre belegen: Die Zusammensetzung des Mikrobioms ist bei vielen häufigen psychiatrischen Erkrankungen verändert.

Weil das menschliche Mikrobiom über direkte und indirekte Verbindungen in komplexer Wechselbeziehung zum zentralen Nervensystem steht, beeinflusst es die Prädisposition, Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Symptome.

Es gilt also, die komplexen Signalwege und Mechanismen, über die menschliche Mikroorganismen in ständigem Austausch mit dem Gehirn stehen, aufzudecken. Dann können wir sie nutzen, um psychische Gesundheit positiv zu beeinflussen. Es ist deshalb ein vielversprechender Ansatzpunkt für neue individualisierte therapeutische Interventionen zur Behandlung psychischer Erkrankungen.“

Kongressveranstaltungen zum Thema
  • Mi. 11:00 Uhr, Eröffnungsvortrag Antje Boetius: „Zwischen Dystopie und Utopie: zur Beziehung von Mensch und Natur“
  • Mi. 12:15 Uhr, Lecture Katrin Böhning-Gaese: Biodiversität und Mensch im Anthropozän
  • Mi. 12:15 Uhr, Lecture Dominic Roser: Klimagerechtigkeit: Überblick und Ausblick
  • Mi. 13:30 Uhr, Lecture Eckart von Hirschhausen: Seelische Gesundheit in Zeiten der Klimakrise
  • Mi. 15:30 Uhr, Diskussionsforum: Solastalgie – psychische Reaktion auf den Klimawandel: ein neues Störungskonzept?
  • Mi. 15:30 Uhr, Präsidentensymposium: Umwelt und Psyche: Mechanismen und Interventionen über die Lebensspanne
  • Do. 10:15 Uhr, Lecture Claudia Hornberg: StadtGesundheit – urbaner Umweltschutz für ein gesundes Leben in der Stadt
  • Do. 13:30 Uhr, State-of-the-Art-Symposium: Klima und psychische Erkrankungen
  • Fr. 10:15 Uhr, Symposium: Wenn die Klimakrise im Therapiezimmer sitzt: ein Vergleich verschiedener Umgangsweisen mit Klimakrisenleugnung und Klimaangst
  • Fr. 12:00 Uhr; Lecture Thomas Fuchs: Psychiatrie als Beziehungsmedizin – ein ökologisches Paradigma
  • Fr. 17:15 Uhr, Symposium: Ernährung und Depression: von Pathomechanismen zu neuen Therapien
  • Sa. 08:30 Uhr, Symposium: Adaption der regionalen psychiatrischen Versorgung in der Klimakrise
  • Sa. 09:00 Uhr, Lecture John F. Cryan: The gut microbiome: a key regulator of brain and behaviour across the lifespan

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Dipl.-Psych. Katja John
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