Psychedelika – ein Paradigmenwechsel in der Depressionsbehandlung?

Was früher nur etwas für Hippies und selbsternannte Gurus war, ist heute in den Kliniken für Psychiatrie angekommen: Bewusstseinserweiternde Drogen, die sogenannten Psychedelika, werden in der Behandlung von psychischen Erkrankungen eingesetzt – wenn auch bislang nur im Rahmen von Studien. Die Daten sind aussichtsreich. Alles deutet darauf hin, dass Behandlungen mit Psilocybin oder LSD als ein Baustein eines psychotherapeutischen Prozesses wirksam sein könnten, bei Depressionen und womöglich auch bei einer Vielzahl anderer psychischer Erkrankungen. Besonders spannend: Sie wirken wahrscheinlich auch bei Patientinnen und Patienten, bei denen andere Behandlungsansätze erfolglos bleiben – bei therapieresistenten Depressionen. 

Prof. Dr. Gerhard Gründer
Leiter des DGPPN-Referats „Psychopharmakologie“ und Leiter der Studie „Efficacy and safety of Psilocybin in Treatment-Resistant Depression“ (EPIsoDE):

„Die Therapie mit Psychedelika stellt womöglich einen Paradigmen-Wechsel in der medikamentösen Behandlung psychischer Erkrankungen dar. Während klassische Psychopharmaka molekulare Fehlfunktionen und Ungleichgewichte im Gehirn korrigieren sollen, vermuten wir, dass Psychedelika Gesundungsprozesse katalysieren, und zwar indem sie Ressourcen aktivieren und die Resilienz fördern. Wir sprechen von Salutogenese. Hierbei greifen vielfältige biologische und psychologische Prozesse ineinander. Zum Beispiel wird die sogenannte synaptische Plastizität gefördert, was Lernprozesse erleichtert.

Mit der EPIsoDE-Studie führen wir aktuell eine der größten klinischen Studien mit einem Psychedelikum durch. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Viele Patientinnen und Patienten profitieren von der Behandlung, aber nicht alle. Klar ist auch: Das ist kein Medikament, das jemand einmal zu Hause einnimmt und dann ist er geheilt. Aber Psychedelika stellen einen völlig neuen Therapieansatz dar, der für viele Patientinnen und Patienten eine neue Perspektive eröffnen könnte.

Derzeit planen wir eine klinische Phase-III-Studie, um den nächsten Schritt zur Zulassung von Psychedelika in der Depressionsbehandlung zu machen. Ich wünsche mir, dass wir es innerhalb der kommenden zehn Jahre schaffen, diese neue Therapieform deutschland- und europaweit anzubieten. Das könnte langfristig auch die Behandlung vieler anderer psychischer Erkrankungen und letztendlich auch das Denken in der Psychiatrie verändern.“

Kongressveranstaltungen zum Thema
  • Do. 10:15 Uhr, Diskussionsforum: Nutzen und Risiken von Psychedelika in der Psychiatrie
  • Do. 17:15 Uhr, Symposium: Stand der Forschung und Diskussion zu Psychedelika
  • Fr. 10:15 Uhr, Symposium: Schnellwirksame Antidepressiva – Disruption oder Illusion? Chancen und Risken der RAADs
  • Fr. 15:30 Uhr, Symposium: Jenseits von Psilocybin bei Depression – weitere mögliche Anwendungsgebiete für substanzgestützte Therapien
  • Sa. 10:15 Uhr, Symposium: Neue Medikamente in Sicht? Highlights aus der psychopharmakologischen Forschung im Bereich von Depression und Angststörungen
Literatur
  • Pollan M (2022) Verändere dein Bewusstsein. Goldmann, München
  • Hanske P, Sarreiter B (2015) Neues von der anderen Seite: Die Wiederentdeckung des Psychedelischen. Suhrkamp, Berlin
  • Hofmann A (2022) LSD – mein Sorgenkind. Klett-Cotta, Stuttgart

DGPPN-Experte: Prof. Dr. Gerhard Gründer

Gerhard Gründer leitet das DGPPN-Referat „Psychopharmakologie“ und am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim die Abteilung für Molekulares Neuroimaging. Der Psychiater und Psychotherapeut ist Professor an der Universität Heidelberg und Leiter der Klinischen Prüfung „EPIsoDE“. 

Mehr erfahren


Ihre Ansprechpartnerin

Dipl.-Psych. Katja John
Pressestelle
DGPPN-Geschäftsstelle
Reinhardtstraße 29 I 10117 Berlin
Telefon: 030 2404772-11
pressestelle@dgppn.de
 

Zur DGPPN-Geschäftsstelle