Komplexbehandlung im ambulanten Sektor

Viele Patientinnen und Patienten, die derzeit in psychiatrischen Kliniken behandelt werden, könnten in ihrem vertrauten Umfeld bleiben und ambulante Therapien bekommen – wenn es eine ausreichend intensive ambulante Versorgung gäbe. Die Betreuung der Betroffenen müsste engmaschig möglich sein, Behandelnde verschiedener Professionen müssten koordinierter zusammenarbeiten können. Zudem müsste der zusätzliche Aufwand angemessen vergütet werden. Die durch den G-BA 2021 auf den Weg gebrachte Richtlinie zur Komplexversorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen soll das ermöglichen. Allerdings liegen die Hürden für eine Teilnahme derzeit hoch. Deutlich mehr Patientinnen und Patienten könnten eine ambulante statt der stationären Behandlung bekommen und dem Gesundheitssystem viel Geld sparen, wenn eine niedrigschwellige Komplexversorgung ermöglicht würde. 

Dr. Sabine Köhler
Mitglied im DGPPN-Vorstand, Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte:

„Die fachärztliche ambulante Versorgung in Deutschland erfolgt auf hohem Qualitätsniveau. Patientinnen und Patienten finden neben der hausärztlichen Versorgung flächendeckend Fachärztinnen und Fachärzte aller Fachrichtungen, die eine wohnortnahe Behandlung möglich machen. Dies trifft auch und insbesondere auf die Versorgung psychischer Erkrankungen zu, denn zusätzlich zu Psychiatern und Nervenärztinnen stehen mittlerweile theoretisch sehr viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten für die Versorgung bereit. Dennoch gibt es lange Wartezeiten und insbesondere schwer von einer psychischen Erkrankung betroffene Patientinnen und Patienten finden oft keine zeitnahe ambulante therapeutische oder sozialmedizinische Zuwendung.

Koordinierte Versorgung durch ein therapeutisches Team kann hier ein Lösungsansatz sein. Die KSVPsych-Richtlinie des G-BA stellt stellt eine solche Versorgungsform dar. Sie ermöglicht den Praxen, alle Professionen, die für die Behandlung einer Person wichtig sind, an Bord zu holen: Die Sozialarbeiterin, den Ergotherapeuten, die Psychologische Psychotherapeutin und sogar die psychiatrische Fachkrankenpflege.

Allerdings gilt das Programm aktuell nur für schwer erkrankte Patientinnen und Patienten, deren Funktionsniveau bei maximal 50 von 100 Punkten liegt. Betroffene, die minderschwer erkrankt sind, dürfen nicht teilnehmen. Ihnen droht weiterhin Chronifizierung und Zunahme der Krankheitslast. Außerdem sind die administrativen und bürokratischen Hürden des Programms so hoch, dass es bisher nur in wenigen Regionen Deutschlands zur Gründung von Netzwerkverbünden kam.

Möglichkeiten der Gestaltung und Weiterentwicklung der ambulanten Versorgungsmöglichkeiten gibt es. Eine Möglichkeit wäre, analog zur Kinder- und Jugendpsychiatrie, eine Sozialpsychiatrievereinbarung. In der KJP wurde sie 2009 eingeführt, sie ermöglicht den Praxen, zusätzliche sozialmedizinische und psychologisch-psychotherapeutische Behandlungen anzubieten und schafft so zusätzliche Ressourcen. In Folge der Einführung stiegen die ambulant-vertragsärztlichen Versorgungszahlen. Ein vergleichbares Modell wäre auch für die Behandlung von erwachsenen Patientinnen und Patienten denkbar.

Generell müssten psychiatrische Praxen mit hoher Patientenzahl Betroffene mit komplexem Versorgungsbedarf teambasiert behandeln können – so, wie es die Leitlinien fordern. Dafür müssen Möglichkeiten geschaffen werden, flexible und individuelle regionale Kooperationen mit Behandelnden verschiedener Berufsgruppen im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans einzugehen.

Weiterhin ist es notwendig, die Vergabe von Kassensitzen insbesondere für die psychotherapeutische Versorgung davon abhängig zu machen, dass mehr Patientinnen und Patienten behandelt werden und zudem auch schwer erkrankten Betroffenen passende Angebote gemacht werden. Dafür müssen Praxen verpflichtet werden, gruppenpsychotherapeutische Angebote zu machen und sich an bestehenden Versorgungsverbünden für die Versorgung schwer erkrankter Patientinnen und Patienten zu beteiligen.“

Kongressveranstaltungen zum Thema
  • Mi. 13:30 Uhr, Symposium: Vernetzte psychiatrische Versorgung im Praxistest
  • Fr. 08:30 Uhr, Symposium: Transsektorale Konzepte der Versorgung
Literatur
  • Köhler S et al (2020). Innovative ambulante Modelle. Nervenarzt 91:1003–1016. https://doi.org/10.1007/s00115-020-01010-y
  • Mönter N (2020) Verbesserte Versorgungsoptionen durch ambulante Arztnetze. Der niedergelassene Psychiater als Lotse auch für die allgemeinärztliche Versorgung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Sozialpsychiatrische Informationen SI 04
  • DGPPN (2018) S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen
  • DGPPN (2018) DGPPN-Standpunkte für eine zukunftsfähige Psychiatrie

DGPPN-Expertin: Dr. Sabine Köhler

Sie ist Mitglied im DGPPN-Vorstand und Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz – Verband leitender Ärztinnen und Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie (BDK). Sie koordiniert die Plattform Entgelt, ein breites Bündnis aus Fachverbänden, Angehörigen- und Betroffenenvereinigungen.

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