Die Zukunft stationärer psychiatrischer Behandlungen 

Schwere psychiatrische Erkrankungen werden in der Klinik behandelt, die leichteren ambulant. So das Bild in der Öffentlichkeit. Ganz so leicht ist die Unterscheidung aber nicht. Mitunter ist es auch für eine schwer erkrankte Person besser, während einer Behandlung zu Hause zu wohnen. In anderen Fällen kann es auch bei weniger schweren Erkrankungen wichtig sein, dass man nicht im heimischen Umfeld bleibt. Die moderne Psychiatrie setzt am individuellen Bedarf der einzelnen Person an: Welche Art der Behandlung, Betreuung und Einbindung braucht sie und wie kann das am besten gewährleistet werden? Deshalb finden längst nicht mehr alle Therapien im klassischen Sinne „auf Station“ statt, sondern es werden alternative Formen und Settings entwickelt und erprobt – von der psychiatrischen Institutsambulanz über Tageskliniken bis zur stationsäquivalenten Behandlung. Behandlungsformen, die zu jedem Zeitpunkt den individuellen Bedarf und das Bedürfnis der Betroffenen berücksichtigen, müssen allerdings meist mühsam über Sonderregelungen, Richtlinien und Modellprojekte abgewickelt werden. Was muss passieren, damit Betroffene tatsächlich ihren Bedarfen entsprechend behandelt werden können?

Dr. Sylvia Claus
Mitglied im Vorstand der DGPPN, Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz:

„Eines der großen Probleme, mit dem die Kliniken heute zu kämpfen haben, ist die Tatsache, dass uns die gesetzlichen Rahmenbedingungen und insbesondere die Ressourcen fehlen, um Patientinnen und Patienten so zu behandeln, wie es der aktuelle Forschungsstand empfiehlt. Die Krankenkassen finanzieren derzeit fast überall nur noch die in der Personalrichtlinie des G-BA festgeschriebenen Personaluntergrenzen, die festgelegt wurden, um die Patientensicherheit zu gewährleisten. Eine qualitätssichernde, evidenzbasierte und leitliniengerechte psychiatrisch-psychotherapeutische Therapie psychisch erkrankter Menschen kann damit nicht geleistet werden.

Tatsächlich ist das Versorgungssystem nicht von den Betroffenen her gedacht. Eine erkrankte Person möchte sich nicht mühsam erst eine stationäre und dann ambulante psychiatrische und psychotherapeutische Behandlung suchen, nebenbei noch mit der Krankenkasse verhandeln und recherchieren, welche Rechte und Pflichten sie ihrem Arbeitgeber gegenüber hat.

Wir brauchen ein System, das die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten berücksichtigt und sich am individuellen Behandlungsbedarf orientiert, so dass Betroffene wohnortnah das für sie jeweils richtige Therapieangebot bekommen. Wir brauchen Angebote, die aufeinander abgestimmt sind und nahtlos ineinander übergehen – unabhängig davon, welcher Sektor der Versorgung betroffen ist oder auch, noch etwas weitergedacht, unabhängig davon, welches Sozialgesetzbuch die Finanzierung regelt.

Die Kliniken sind aufgrund ihrer regionalen Versorgungspflicht als Ansprechpartner im System fest verankert. Sie könnten deshalb auch die Koordination und Steuerung der notwendigen Behandlungsangebote übernehmen, sofern diese nicht durch niedergelassene Kolleginnen und Kollegen erbracht werden können. Wir machen in den Kliniken ja ohnehin schon längst mehr, als klassisch auf Station zu behandeln. Wir bieten beispielsweise Therapien in psychiatrischen Institutsambulanzen oder aufsuchend zu Hause an. Der Begriff der stationären Behandlung ist deshalb heute nur noch bedingt passend. Eigentlich müsste man von einer ‚Versorgung aus den Klinken heraus‘ sprechen.

Voraussetzung für solch ein multidisziplinäres, koordiniertes und am Bedarf der Patientinnen und Patienten ausgerichtetes System ist natürlich eine ausreichende Finanzierung. Mit dem Plattform-Modell haben wir schon 2020 ein System entwickelt, das den nötigen Personalbedarf für die Behandlung bedarfsgerecht kalkuliert – über die Sektorengrenzen hinweg. Das von einer Vielzahl von Fachgesellschaften, Betroffenen- und Angehörigenverbänden gemeinsam erarbeitete Modell wurde mit einer Machbarkeitsstudie überprüft und anschließend durch das vom G-BA geförderte Modellprojekt EPPIK weiterentwickelt. Die systematische Auswertung wird im kommenden Frühjahr fertig sein.

Mit dem Plattform-Modell liegt ein modernes Personalbemessungsinstrument vor, das diagnoseunabhängig für jedes Setting genutzt werden kann. Das Problem des Fachkräftemangels löst es allerdings leider nicht.“

Kongressveranstaltungen zum Thema
  • Mi. 08:30 Uhr, Symposium: Bemessung des Personalbedarfs – erste Erkenntnisse aus der Evaluation des Plattform-Modells
  • Mi. 13:30 Uhr, Symposium: Weiterentwicklung der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung unter besonderer Berücksichtigung der PPP-RL
  • Mi. 15:30 Uhr, Diskussionsforum: Qualitätssicherung oder Kliniksterben? PPP-RL und ihre Folgen ab dem Jahr 2024
  • Fr. 08:30 Uhr, Symposium: Transsektorale Konzepte der Versorgung
Literatur
  • Plattform Entgelt (2023) Klinik-Sanktionen: Psychiatrische Versorgung in Gefahr. Positions-Papier. https://dgppn.de
  • Schwaiberger M, Schmidt K, Spießl H (2023) Die Personalausstattung Psychiatrie und Psychosomatik-Richtlinie (PPP-RL): erste Anpassung – erste Verbesserung? Psychiat Prax 50:279–282. https://doi.org/10.1055/a-2060-9717
  • Deister A et al (2021) Personalbemessung in der Psychiatrie und Psychotherapie. Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie zum Plattform-Modell. Nervenarzt 92:457–467. https://doi.org/10.1007/s00115-020-00995-w
  • Hauth I et al (2019) Personalausstattung in stationären psychiatrischen Einrichtungen. Ein patientenorientiertes und leitliniengerechtes Konzept zur Personalbemessung. Nervenarzt 90:285–292. https://doi.org/10.1007/s00115-018-0669-z

DGPPN-Expertin: Dr. Sylvia Claus

Sie ist Mitglied im DGPPN-Vorstand und Vorsitzende der Bundesdirektorenkonferenz – Verband leitender Ärztinnen und Ärzte der Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie (BDK). Sie koordiniert die Plattform Entgelt, ein breites Bündnis aus Fachverbänden, Angehörigen- und Betroffenenvereinigungen.

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Ihre Ansprechpartnerin

Dipl.-Psych. Katja John
Pressestelle
DGPPN-Geschäftsstelle
Reinhardtstraße 29 I 10117 Berlin
Telefon: 030 2404772-11
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