Wohnort Psychiatrie? The new long stay patients

Behandlungsplätze in psychiatrischen Kliniken sind begehrt, die Wartezeiten sind lang. Leider sind manche der Plätze aber belegt, obwohl sie es nicht sein müssten – von Menschen, die eigentlich nicht mehr in einer Klinik behandelt werden müssten. Nach einer erfolgreichen stationären Behandlung werden Patientinnen und Patienten in der Regel nach Hause entlassen und an ambulante Behandelnde weiterverwiesen – so wie es ihrer aktuellen Lebenslage entspricht. Was aber, wenn es kein Zuhause gibt oder die Person nicht in der Lage ist, dort alleinverantwortlich für sich zu sorgen?

Dann greift die sogenannte Eingliederungshilfe – eigentlich. Durch individuell zugeschnittene Wohnangebote sollen Menschen darin unterstützt werden, regulär am Leben teilzuhaben. Das können Mietwohnungen mit Assistenz sein, kreative Lösungen wie ein Tiny-Haus oder auch offene oder geschlossene Wohnformen. Allerdings sind die Betreibenden dieser Angebote nicht verpflichtet, Menschen aufzunehmen. Sie können sich die Personen aussuchen, um die sie sich kümmern. Vielen Betroffenen wird deshalb kein passendes Wohnangebot gemacht. Die Behandelnden stehen dann vor der Wahl, ihre Patientinnen und Patienten entweder in die Obdachlosigkeit zu entlassen oder sie weiter in der Klink wohnen zu lassen. Beides keine guten Alternativen.

Prof. Dr. Ingmar Steinhart
Universitätsmedizin Greifswald:

„Moderne Psychiatrien sollen nicht wieder zu Langzeitverwahranstalten werden. Sie sollen heute ein geschützter Ort sein, an dem Menschen engmaschig und individuell behandelt werden – solange es ihre Erkrankung nötig macht. Anschließend sollen sie nach Hause entlassen werden, um dort in gewohnter Umgebung ihr Leben wieder aufzunehmen. Schwierig wird es aber, wenn es kein Zuhause im klassischen Sinn gibt, wenn die Person ohne Wohnung ist oder in der Wohnung kein sicheres Leben möglich ist.

Patientinnen und Patienten in die Obdachlosigkeit oder eine gefährliche Situation zu entlassen, ist ethisch nicht vertretbar. Auch wenn die Behandlungsplätze rar sind, bleibt dann keine andere Wahl, als die Person auf Station zu behalten. Auch wenn dadurch eigentlich niemand gewinnt. Denn die Psychiatrie kann kein Zuhause sein.

Wir haben gerade eine Befragung abgeschlossen, deren Ergebnisse zeigen, wie verbreitet das Problem ist. Jede der befragten psychiatrischen Kliniken hat mindestens zwei Patientinnen oder Patienten, deren stationäre Behandlung beendet ist, die man aber nicht entlassen kann, weil es kein passendes Wohnangebot gibt.

Um dieses Problem zu lösen, muss der Gesetzgeber aktiv werden. Erst wenn die Krankenhäuser und die Angebote für die Wohnunterstützung gesetzlich zur gemeinsamen Versorgung verpflichtet werden, werden auch ausreichend geeignete Wohnangebote zur Verfügung stehen. Nur so können wir eine angemessene Versorgung und Teilhabe für Menschen mit psychischen Erkrankungen erreichen. Denn viele Patientinnen und Patienten benötigen differenzierte und vielfältige Unterstützung: eine psychiatrische Behandlung und Assistenz bei der Sozialen Teilhabe.“

Kongressveranstaltungen zum Thema
  • Do. 10:15 Uhr, Symposium: Behandlung und Versorgung von Menschen mit herausforderndem Verhalten
  • Do. 10:15 Uhr, Symposium: Inklusion in den Domänen Arbeit und Wohnen als Ziel psychiatrischer Versorgung
  • Do. 13:30 Uhr, Symposium: Zur Situation der „New long stay patients“ in deutschen psychiatrischen Kliniken
Literatur
  • Steinhart I (2018) Persons with Severe Mental Illness in Germany – Having (not) a "Good Life". Psychiatr Prax 45:341-343. https://doi.org/10.1055/a-0682-1191
  • Steinhart I et al (2021) Personenzentrierte Hilfen, aber geschlossen untergebracht? Zur Situation der geschlossenen Heime in Deutschland. Nervenarzt 92:941–947. https://doi.org/10.1007/s00115-021-01141-w
  • Borbé R et al (2021) Gemeindepsychiatrische Ansätze zur Vermeidung der Unterbringung in geschlossenen Heimen – eine Positionsbestimmung. Nervenarzt 92:935–940. https://doi.org/10.1007/s00115-021-01136-7
  • Jenderny S et al (2021) Psychisch erkrankte Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen: geschlossene Unterbringung als No-Go? In: Giertz K, Große L, Gahleitner S B (Hrsg) Hard to reach: schwer erreichbare Klientel unterstützen. Psychiatrie Verlag, Köln, S 61-69

Experte: Prof. Dr. Ingmar Steinhart

Der Direktor des Instituts für Sozialpsychiatrie, Mecklenburg-Vorpommern e. V., An-Institut der Universität Greifswald, engagiert sich insbesondere für die Teilhabe von Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen am Leben in der Gemeinschaft. 

Mehr erfahren


Ihre Ansprechpartnerin

Dipl.-Psych. Katja John
Pressestelle
DGPPN-Geschäftsstelle
Reinhardtstraße 29 I 10117 Berlin
Telefon: 030 2404772-11
pressestelle@dgppn.de
 

Zur DGPPN-Geschäftsstelle