Psyche und Kunst

Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen bieten viel Stoff für künstlerische Auseinandersetzungen. Auf dem DGPPN Kongress erhalten sie eine eigene Plattform. Ausstellungen, Filmvorführungen und Lesungen sind fester Bestandteil des vielfältigen Programms. Einen ersten Vorgeschmack haben wir hier zusammengestellt. 

Ausstellung „Psychische Erkrankungen im Blick“

Ein kurzer Augenblick, ein flüchtiger Blickwechsel, ein fremder Blickwinkel – das Blickverhalten eines Menschen ist einzigartig und sehr persönlich. Wir nehmen die Welt über die Augen wahr und sie gelten als Fenster zur Seele. Was lesen wir also im Blick eines Menschen? Dieser Frage widmet sich das Fotoprojekt von Herlinde Koelbl. Durch die Linse ihrer Kamera gelingt es ihr, Distanz und zugleich Nähe und Intimität zum Portraitierten zu schaffen. Es entstehen drei Wahrnehmungsebenen, die des Portraitierten selbst, der Fotografin und des Betrachters. Die Portraitierten sind Patienten einer psychiatrischen Klinik oder Mitarbeiter des dortigen Behandlungsteams. Doch wer ist wer? Das lässt Koelbl offen. Frei von Suggestion wird das Sehen auf die Probe gestellt und so ein interessanter Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen geleistet.

Ausstellung „Angst in der Kunst – Ikonografie einer Grundemotion“

Angst – ein normales und sogar überlebensnotwendiges Gefühl. Angst bewahrt vor Gefahren, Angst verleiht Flügel, Angst ist der Nervenkitzel in der Geisterbahn. Angst kann aber auch quälen und zur Erkrankung werden. Katharina Domschke hat etwa 70 Gemälde und Skulpturen, Fotografien und Installationen zusammengetragen, die von den Künstlern ausdrücklich in den Kontext von Angst, Furcht oder Schrecken gestellt wurden. Ein Bilderbuch der Angst sozusagen, eine Illustration und Reflexion der Angst im Spiegel der Kunst. Die ausgewählten Werke von z. B. Wilhelm Busch, Edvard Munch, Louise Bourgeois, Andy Warhol, Arnulf Rainer, Markus Lüpertz, Monica Bonvicini oder Anne Imhof repräsentieren verschiedene Epochen und Stilrichtungen

Ausstellung „Schizophrenie und Kunst“

Im Gegensatz zu den künstlerischen Arbeiten, die von Psychiatriepatienten über Jahrzehnte geschaffen wurden, handelt es sich bei der Kunst Rüdiger H. Breitbarts um spontane Arbeiten aus der Zeitspanne 1956/1957 bis ca. 1975. Seine Werke nehmen den Betrachter mit an den Rand der bizarren Lebenswelt Schizophrener. Der Betrachter bekommt eine Ahnung von der Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz, er spürt das verzweifelte Ringen des Erkrankten, sein verlorenes Ich und seine alte Ordnung wiederzufinden. Im Laufe der innerfamiliären Aufarbeitung der Schizophrenie-Erkrankung des Bruders und Onkels hat sich die Familie Breitbart dazu entschlossen, den Nachlass von Rüdiger H. Breitbart in Form einer Ausstellung öffentlich zugänglich zu machen.

Ausstellung „CRAZY – Leben mit psychischen Erkrankungen“

Die Ausstellung zeigt Arbeiten von fünf international renommierten Fotografen, die sich aus ganz persönlichen Gründen mit dem Thema auseinandergesetzt haben. The Epilogue von Laia Abril erzählt die Geschichte der Familie Robinson, die ihre jüngste Tochter durch Bulimie verlor. In Gärtners Reise dokumentiert Sibylle Fendt die letzte Reise Lothar Gärtners und seiner an Demenz erkrankten Ehefrau Elke. Nora Klein versucht in ihrer Serie Mal gut, mehr schlecht die Erkrankung Depression in Bilder zu fassen. Louis Quail zeigt in seiner intimen fotografischen Annäherung Big Brother das Leben seines Bruders mit Schizophrenie und Melissa Spitz widmet ihre Arbeit You Have Nothing to Worry About dem Gefühlsleben ihrer schwer psychisch erkrankten Mutter.

Filmvorführungen

Durch die Erinnerungen — Wege der Traumatherapie
Der Film über PTBS vermittelt  Betroffenen und Angehörigen verständlich Wissen über die Krankheit und deren Therapiemöglichkeiten.

Neben der Spur — Von der Depression aus der Bahn geworfen              
Es könnten die besten Jahre sein, doch die Depressionen haben Hanna, Kati, Martin, Popey und Sascha aus der Bahn geworfen. Der Film gibt realistische, berührende Einblicke in das Leben der Protagonisten, die den Zuschauern Mut machen und Vorurteile ausräumen.

Grau ist keine Farbe
Im Dokudrama kämpfen drei Jugendliche den einsamen und gefühlsbetonten Kampf gegen die Depression. Den dokumentarisch-kinematischen Stil untermalen Experten aus Deutschlands renommiertesten Kliniken sowie Therapeuten und Helfer.

F32.2
Als Vera an einer schweren Depression erkrankte, musste ich feststellen, wie hilflos ich als ihre gute Freundin ihrer Erkrankung mit dem Diagnosekürzel F32.2 gegenüberstand. Der Film ist der gemeinsame Versuch, Veras Gefühlen in der Depression auf den Grund zu gehen.

Sarggeschichten
Kurzfilme über das Sterben, über Abschiednehmen und Beerdigen und über Trauern und Erinnern. Sie können Gedankenanstöße sein für Zwischendurch oder als Impulse und Bildungsangebote für Kitas, Schulen, Jugendclubs oder Seniorengruppen verwendet werden.

Fußballverrückt
Der Torwart – schizophren, der Außenstürmer – psychotisch, der Abwehrspieler – depressiv. Ein außergewöhnlicher Fußballfilm, ein bemerkenswertes Werk über das Leben mit psychischen Problemen, eine stille Reflexion über die Grenze zwischen Normalität und Krankheit.

Ich hab's geschafft
Acht Frauen und ein Mann erzählen, wie es ihnen mit einer Essstörung ging und geben ehrliche Antworten auf die Frage: Kann man es aus einer Essstörung herausschaffen? Ganz bewusst zeigen sie sich mit einer Erkrankung, um anderen Mut zu machen.

Die Hölle von Ueckermünde — Psychiatrie im Osten
Regisseur Ernst Klee hat Anfang der 1990er Jahre die menschenverachtende
Unterbringung geistig behinderter und psychisch kranker Patienten in der DDR
offengelegt, die bis in die Nachwendezeit hineinreichte. Die Session startet
mit einer historischen Einordnung. Nach dem Film stehen die Experten für eine
Diskussion mit dem Publikum zur Verfügung.

Autorentisch

Lebensnebel: Wie ich als Psychotherapeutin Burnout und Depression durchstand
Autorin: Nora-Marie Ellermeyer, Freiburg im Breisgau

Hannover sehen und sterben
Autor: Thorsten Sueße, Hannover, Ingo Schäfer, Hamburg

Lebenswert
Autorin: Katja Klee, Unterhaching

Party im Kopf
Autor: Peter Mannsdorff, Berlin

Kann man einem Psychiater trauen? Über Psychiater und andere psychische Störungen
Autor: Carsten Petermann, Bülstedt

Papas Seele hat Schnupfen
Autorin: Claudia Gliemann, Karlsruhe

Übersehene Geschwister
Autorin: Jana Hauschild, Berlin

Von Goa nach Walsrode
Autor: Florian Reisewitz, Bremen

Von WAHN und SINN – Behandler, Patienten und die Psychotherapie ihres Lebens
Autorin: Heide Fuhljahn, Hamburg

Das Kreuz auf dem Hügel – Aufzeichnungen des Schriftstellers Nikolas Konstantinos
Autor: Hartmut Haker, Ratzeburg

Warum noch leben
Autor: Kalle Becker, Salzgitter

Lesungen

Nora-Marie Ellermeyer, Freiburg im Breisgau    
Lebensnebel: Wie ich als Psychotherapeutin Burnout und Depression durchstand

Studium, vier Kinder, Hausbau, Therapeutenausbildung, Promotion, Praxisgründung, ein kranker Vater: Das alles wuppt sie mit links. Scheinbar. Denn plötzlich geht nichts mehr. Sie ist erschöpft und ausgebrannt, Angst macht sich breit. Bis sie nicht mehr in der Lage ist, morgens aufzustehen, geschweige denn den Alltag oder ihren Beruf auch nur ansatzweise zu bewältigen. Sie stürzt in eine tiefe, dunkle Depression, die über ein Jahr anhält. In ihrer Autobiographie berichtet sie aus zwei Perspektiven: als Expertin und als Betroffene.  

Thorsten Sueße, Hannover       
Hannover sehen und sterben
   
In dem spannenden Kriminalroman geht es um das Schicksal einiger psychisch kranker Männer, die in eine belastende Krisensituation geraten und dadurch in einen Mordfall verwickelt werden. Bei dem Mordopfer handelt es sich um einen Hannoverschen Bestsellerautor, der zuletzt ein kontrovers diskutiertes Buch über Schwule und Lesben veröffentlicht hat. Die Polizei zieht bei ihren Ermittlungen einen kriminalistisch erfahrenen Psychiater hinzu, der selbst in einer Lebenskrise steckt.  

Katja Klee, Unterhaching           
Lebenswert

Ihr Leben begann mit einer bunten Kindheit in Mexiko-City, bevor sie merkte, dass etwas in ihr anders ist. Mit ihrem Verhalten verstieß sie immer mehr gegen die Normen der Umgebung und fiel immer tiefer durch die gesellschaftlichen Raster. Katja Klee beschreibt in ihrer Autobiografie „Lebenswert“ ihren persönlichen Lebens- und Leidensweg geprägt durch eine neurologische Zwangserkrankung und Tourette. Mehr als 40 Jahre und drei hirnchirurgische Operationen später ist sie erstmals auf dem Weg der Besserung.  

Peter Mannsdorff, Berlin           
Party im Kopf   

Wenn man 13 ist, fangen die Eltern an, peinlich zu werden. Aber so peinlich zu sein wie Robbis Vater – das muss man erstmal schaffen! Er hört lautstark Grönemeyer, wirft mit Geld um sich, stürmt in Robbis Klasse, um Werbung für eine merkwürdige Kinderpartei zu machen. Robbi fürchtet: Papa hat wieder Party im Kopf. Denn sein Vater ist manisch-depressiv. Mal völlig überdreht, mal abgrundtief traurig. Damit ihm geholfen werden kann, kommt er schließlich in eine Klinik. Zwei Jahre später vermutet seine Ärztin eine erneute manische Phase. Vorsichtshalber will sie Robbis Vater wieder in die Klinik einweisen. Doch der fühlt sich stabil und sagt: Nein! Er türmt zusammen mit Robbi per Anhalter nach Südfrankreich.  

Carsten Petermann, Bülstedt
Kann man einem Psychiater trauen?    
In einer Mischung aus Ernst, Satire, schwarzem Humor und Poesie nimmt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie auf ungewöhnliche und kreative Weise den eigenen Berufsstand aufs Korn. Auf humorvolle und kreative Weise bietet das Buch Informationen über psychische Störungen und ist eingebettet in ein selbst geschriebenes Bühnenprogramm, mit dem er zur Entstigmatisierung beitragen möchte.

Jana Hauschild, Berlin 
Übersehene Geschwister          
Sie spielen meist nur die zweite Geige: Geschwister psychisch Erkrankter bleiben mit ihren Bedürfnissen und Erfolgen, ihren Sorgen und ihrer Angst oft allein. Manche ein Leben lang. Sie sind die geborenen Funktionierer, Sonnenkinder, Vermittler zwischen Eltern und Geschwistern. Die Beziehung zu ihrem erkrankten Geschwister ist komplex – mal haben sie einen ausgeprägten Schutzinstinkt, mal hegen sie Gram. Manche hat die Verantwortung stark gemacht, andere fühlen sich ihrer Kindheitsjahre beraubt.

Florian Reisewitz, Bremen         
Von Goa nach Walsrode
             
Mit 18 Jahren kommt er in Berührung mit der Goa-Szene – einer Musik-Szene, die wie kaum eine zweite mit dem Konsum von psychedelischen Drogen verknüpft ist. Eine Tatsache, die nicht ohne Folgen bleibt. Mitreißend und ehrlich beschreibt er, wie sich schleichend eine Psychose nähert, die ihn mehr als einmal in die Psychiatrie nach Walsrode führt. Ein Erfahrungsbuch – und mehr als das: ein Insiderbericht über eine besondere Partylandschaft, eine eindrückliche Schilderung von wahnhaftem Erleben und ein empathischer Blick auf das hartnäckige Engagement, aber auch auf die zeitweilige Hilflosigkeit von Helfenden.  

Heide Fuhljahn, Hamburg          
Von WAHN und SINN – Behandler, Patienten und die Psychotherapie ihres Lebens

Wie heilt man eine Depression, eine Angststörung, eine Psychose? Was entscheidet über Leben und Tod und wie wirkt Psychotherapie ganz genau? Das ist der rote Faden des Buches: Warum haben bestimmte Therapien geholfen und andere nicht? Autorin Heide Fuhljahn, Fachjournalistin und selbst seelisch krank, erzählt die bewegendsten Sitzungen von Psychotherapeuten und Patienten. Im Anschluss an die persönlichen Erfahrungen fasst sie die jeweilige psychische Erkrankung und die durchgeführte Therapie fachlicher versiert, aber immer verständlich zusammen, um am Ende die Frage zu beantworten: Was hilft?

Hartmut Haker, Ratzeburg         
Das Kreuz auf dem Hügel – Aufzeichnungen des Schriftstellers Nikolas Konstantinos  

Der Autor erkrankte vor zwanzig Jahren an einer schizoaffektiven Psychose. Über seine Erfahrungen hat er mehrere Bücher und Theaterstücke geschrieben, mit denen er anderen Betroffenen Mut machen und entstigmatisieren will. In seinem Roman verwebt er seine eigene Geschichte mit der eines griechischen Schriftstellers und dem Benediktinermönch Ansverus. Eine spannende Konstellation – über allem der Kampf gegen die Stigmen, die unsere Welt über Gruppen von Menschen verbreitet.

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